Vertrauen und Verantwortung von Anfang an

Erfahrung im Freiwilligendienst mit ATD Vierte Welt

Als ich mich vor fünf Jahren zum ersten Mal ernsthaft damit auseinandersetzte, was ich nach der Schule machen will, war ich ziemlich ratlos. Vage Studienrichtungen hatte ich schon im Kopf, aber mich jetzt schon auf etwas festlegen wollte und konnte ich nicht. Durch meinen damaligen Freund kam ich auf die Idee, mich für einen Freiwilligendienst bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) zu bewerben. ASF ist eine Organisation, die junge Erwachsene in Länder aussendet, die besonders unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten haben, mit dem Gedanken, sich für die Verständigung zwischen Juden und Jüdinnen und Deutschen einzusetzen und sich für eine friedvolle und gerechtere Welt einzusetzen. Nach dem Auswahlseminar kam dann die Zusage: Ich durfte für ein Jahr nach Brüssel gehen und bei ATD Quart Monde arbeiten.

Natürlich googelte ich erst mal die Organisation und las ich mir den Projektbericht meiner Vorgängerin durch, aber so richtig konnte ich mir noch nicht vorstellen, was Arbeit mit Menschen in Armut konkret bedeutet. Also fuhr ich relativ frei von Erwartungen nach Brüssel und wurde dort sehr herzlich in Empfang genommen. Meine Mentorin Magali nahm sich viel Zeit, um mir die Struktur und die Philosophie von ATD zu erklären, was gar nicht so selbstverständlich ist, wenn man noch nie in einer Organisation gearbeitet hat und wenig Kontakt zu Menschen in Armut hatte.

Ich war erstaunt und positiv überrascht, wie viel Vertrauen und Verantwortung mir man trotz meines jungen Alters und meiner Unerfahrenheit von Anfang an schenkte. So durfte ich direkt in meiner ersten Woche einen Flyer designen und fand schnell einen Einstieg in die Aktivitäten von ATD. Unter anderem baute ich zusammen mit zwei Kolleginnen eine Straßenbibliothek in dem Viertel Molenbeek auf, das als „Problemviertel“ angesehen wird und im Laufe des Jahres durch die Attentate und Verstecke der Terroristen unter erhöhter Stigmatisierung zu leiden hatte. Die Straßenbibliothek funktioniert so, dass wir an einem festen Tag in der Woche Bücher, Spiele und Mal- und Bastelsachen aussuchten und auf einem Platz eine Decke ausbreiteten, wo wir mit den Kindern des Viertels lasen, spielten und Geschichten erzählten.

Für mich war sehr schön zu sehen, wie sich nach einigen Wochen eine feste Gruppe von Kindern zusammenfand, die regelmäßig vorbeikam und ich eine andere Seite von Molenbeek erlebte als die in den Medien gezeigte.

Eine andere Hauptaufgabe während meines Praktikums waren sogenannte ateliers créatifs, bei denen ich mit zwei anderen Kolleginnen Orte aufsuchte, an denen von Armut betroffene Menschen zusammenkommen (Sozialrestaurants oder Kleiderkammern) und dort zusammen Bastelworkshops durchzuführen, um ins Gespräch zu kommen und gemeinsam schöne Dinge herzustellen. Durch die Kontinuität der Angebote hatte ich die Gelegenheit, Beziehungen zu Menschen aufzubauen, die ich sonst niemals kennengelernt hätte und einen kleinen Einblick in ihre Lebensrealität zu bekommen.

Außerdem hatte ich während meines Praktikums die Möglichkeit, zusammen mit Kolleg*innen Angebote zur Sensibilisierung für Schüler*innen und Auszubildende zu erstellen und auch selbst durchzuführen, eine Lesung von einem ATD-Volontären aus Frankreich in einer Buchhandlung zu organisieren, Seminare mit anderen jungen Volontär*innen aus verschiedenen Ländern zu besuchen, bei einer Familienfreizeit in einem Vorort von London mitzuarbeiten und viel zu diskutieren und von anderen Menschen zu lernen.


„Den wahren Expert*innen der Armut muss zugehört werden, wenn sinnvoller Wandel geschaffen werden soll.“


Rückblickend kann ich sagen, dass dieses Jahr bei ATD wahrscheinlich das wichtigste Jahr bis jetzt für meine persönliche und berufliche Entwicklung war. Ohne ATD hätte ich niemals Soziale Arbeit als Studiengang gewählt und auch wenn ich noch am Anfang meiner beruflichen Laufbahn bin, hat ATD mein Verständnis von Zusammenarbeit mit benachteiligten Menschen mehr geprägt als jedes Uniseminar es könnte. Ein so konsequenter, akzeptierender und niemals eigennütziger Einsatz für Menschen in Armut ist auch in der Sozialen Arbeit selten und erinnert mich immer wieder daran, wessen Interessen eigentlich vertreten werden sollen und dass den wahren Expert*innen zugehört werden muss, wenn sinnvoller Wandel geschaffen werden soll.

28. März 2020
Johanna Stoll

 

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